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Autor: Andreas Holtschulte

Mannheim.Noch schnell einen Schluck Kaffee genommen. Das Smartphone meldet sich: „Mein Taxifahrer Bayram ist in drei Minuten hier. Momentan wartet er an der Ampel vor der Neckarbrücke.“ Heute geht es zum Mannheimer Hauptbahnhof und anschließend mit der Bahn nach München. An die Annehmlichkeiten der App MyTaxi – die seit kurzem Free Now heißt – habe ich mich gewöhnt. Fahrtziel eingeben und fertig. Innerhalb von Sekunden sucht sie mir ein Taxi in der Nähe und ich weiß direkt, wann der Fahrer vor der Tür steht.

Bis vor einem Jahr habe ich um fünf Uhr morgens bei der Taxizentrale angerufen, um ein Taxi zu bestellen. Ein Disponent teilte mir einen Fahrer zu. Hatte ich kein Bargeld zur Hand sagte ich dem Vermittler: „Bitte mit Kartenlesegerät.“ Das funktionierte meist nicht. Am Bahnhof Geldautomaten suchen, wieder zum Taxi, zahlen und dem abfahrenden Zug hinterher rennen. Die App dagegen fragt nach meiner bevorzugten Zahlungsmethode.

Auch Fahrer und Taxiunternehmer profitieren: Sie sparen die Kosten für die Taxizentrale und bekommen eher die lukrativen Fahrten von Mannheim nach Frankfurt Flughafen, da derzeit vor allem Geschäftsreisende die App nutzen. Üblicherweise sind heute noch Taxizentralen in den Städten für die Verteilung der Fahraufträge an die Fahrer zuständig.

Dort meldet sich der Fahrgast, gibt seinen Fahrtwunsch durch und der Mitarbeiter in der Zentrale weist einen freien Fahrer zu. Für diesen Service, und dafür in den Pool der Fahrer aufgenommen zu werden, zahlen die Taxiunternehmen etwa 400 Euro im Monat pro Fahrzeug. Die App-Betreiber nehmen dagegen sieben Prozent Provision, für die Vermittlung der Fahrt. Für 400 Euro Provision bei sieben Prozent müsste der Taxiunternehmer 5714 Euro Umsatz pro Fahrzeug einfahren. Das klappt im Schnitt nur in den umsatzstarken Wintermonaten. Mithilfe von Free Now lassen sich in schlechten Monaten Kosten sparen und die Gewinne steigern.

Gefahr eines Monopolanbieters

Die Kehrseite besteht in der Gefahr eines Verdrängungswettbewerbs. Mittelfristig kommen die Taxizentralen womöglich in Schwierigkeiten und Free Now könnte dann als Monopolist Preise und Provisionen diktieren. Insgesamt ist diese App wahrscheinlich aber nur ein Zwischenschritt, denn wir befinden uns bereits in einer Revolution des Individualverkehrs.

Neben selbstfahrenden Autos, stelle man sich vor, wir hätten die Möglichkeit, auf privaten Wegen Mitfahrer einzusammeln, die wir vorgeschlagen bekommen – in der digitalen Welt lässt sich das Potenzial von Millionen privater Fahrten nutzen. Free Now erscheint als Vorstufe dazu. Denn warum sollte ein Taxi einen individuellen Fahrtwunsch erfüllen, wenn in gefühlt 99 Prozent der Autos vier von fünf Sitzen frei sind? Was würde es an CO2 und Blech einsparen, wenn wir Informationen und Kapazitäten intelligenter nutzen würden?

Die Antwort der Gesetzgeber ist zunächst scheinbar protektionistisch. So wurde beispielsweise die Plattform Uber, eine kommerzielle Mitfahrzentrale für Privatleute, per Gerichtsbeschluss mit Verweis auf das Personen-Beförderungs-Gesetz fast komplett aus Deutschland verdrängt. Was bleibt, ist Free Now als Kompromiss.

Die Taxizentralen in Deutschland können sich aufgrund ihrer starren Strukturen und der zunächst schmerzhaften Veränderungen nicht so leicht umstellen, wie ein junges agiles Unternehmen. Die Branche hatte mit ihrer Taxi Deutschland App versucht, eine Konkurrenz zu Free Now aufzubauen. Da war es aber bereits zu spät. Damit geht es den Taxizentralen wie den meisten Unternehmen, die die digitale Transformation verschlafen und dann ein wenig zu spät aufwachen.